Was zieht der Mensch an, wenn er an die Küste fährt? Richtig: Alles auf einmal.
Hier an der Küste weht ein anderer Wind – und der bläst nicht nur durchs Haar, sondern offenbar auch durchs modische Urteilsvermögen derer, die aus dem Binnenland kommen. Denn sobald die Touris den ersten Fuß auf den Deich setzen, verwandeln sie sich in eine kunterbunte Truppe maritimer Möchtegerns, die irgendwo zwischen Krabbenkutter und Kinderfasching angesiedelt ist.
Die Verkleidung beginnt bei der Kapitänsmütze
Warum genau Menschen, die höchstens mal mit’m Tretboot den Stadtgraben erkundet haben, plötzlich meinen, sie müssten aussehen wie Käpt’n Iglo auf Wochenendurlaub – das bleibt ein Rätsel. Tatsache ist: Die Kapitänsmütze ist Pflicht. Gern kombiniert mit Pilotenbrille, weißer Leinenhose und einem selbstbewussten Blick in den Horizont. Obwohl da eigentlich nur die Fischbude ist.
Gummistiefel bei Trockenheit – weil Watt ja immer geht
Wenn’s dann Richtung Watt oder Hafen geht, werden die schweren Gummistiefel ausgepackt. Bei 26 Grad. In schwarz oder quietschgelb. Praktisch? Nee. Aber angeblich „nordseetauglich“. Dazu eine Funktionsjacke, die gegen alles schützt, außer gegen modisches Fremdschämen. Und oben drüber thront der Südwester – selbst bei Windstille und Schäfchenwolken. Die Frisur soll ja halten.
Der Ostfriesennerz – Modehighlight mit Leuchtturm-Effekt
Und dann ist da noch unser leuchtendster Freund: der Ostfriesennerz. Diese gelbe Regenjacke aus Plastik, die selbst Nebelschwaden vertreibt. Sie wird mit Inbrunst getragen – beim Spaziergang, beim Fahrradfahren, beim Fischbrötchenkauf. Erkennungszeichen aller, die „mal so richtig durchpusten lassen“ wollen.
Wir erkennen euch – schon aus 500 Metern
Das Gute ist: Man sieht euch kommen. Weit vorher. Man hört euch auch, übrigens – meistens an Ausrufen wie „Ist das hier Watt?“ oder „Wo gibt’s hier echten Matjes?“ Und während ihr auf dem Deich posiert, das Fischbrötchen fest in der Hand, denkt ihr: „So leben die hier immer!“ Tun wir nicht. Wir tragen Jeans und Turnschuhe, freuen uns, wenn die Sonne scheint, und laufen nicht bei jedem Windhauch in Expeditionsmontur rum. Aber wir gucken euch gern zu. Ehrlich.
Bisschen bekloppt, aber liebenswert
Also liebe Touristen: Zieht euch an, wie ihr wollt. Haut euch den Bauch voll mit Krabben und Kieler Sprotten, lasst euch durchpusten, und tragt den Südwester mit Stolz. Denn auch wenn wir ein bisschen schmunzeln – wir freuen uns, dass ihr da seid. Und dass ihr unsere Küste so liebhabt, wie sie ist: wild, windig und wunderbar. Und denkt dran: Wer hier overdressed ist, ist trotzdem willkommen. Aber wir gucken. Und grinsen. Norddeutsch eben.
