Supermarkt, 17:12 Uhr. Der Feierabendverkehr pulsiert, du hast Hunger, der Einkaufswagen ist voll, und die Kassiererin scannt schneller als Amazon liefert. Noch ein Kunde vor dir, das Ziel ist in Sicht. Aber du ahnst es nicht: Du stehst gleich in der privatesten, langsamsten und nervenraubendsten Sicherheitszone Deutschlands – direkt hinter jemandem, der glaubt, seine EC-Karte sei der Schlüssel zum Atomkoffer.
Die Kassiererin nennt den Betrag. 32,84 Euro. Kein Problem. Doch der Kunde – nennen wir ihn Dieter, 72, passionierter Kleingeldzähler und Datenschützer der alten Schule – zieht langsam seine Karte. Zitternd. Bedächtig. Dann greift er zur Geldbörse. Zieht den Reißverschluss mit der Sorgfalt eines Uhrmachers. Öffnet das Fach. Nicht das richtige. Noch eins. Ah – da ist sie. **Die PIN.** Auf einem Zettel, der aussieht, als hätte Indiana Jones ihn aus einer ägyptischen Grabkammer geborgen. Vergilbt. Zerknittert. In Bleistift geschrieben, leicht verwischt. Dieter hebt ihn an die Lippen. Und flüstert. „Vier… sieben… drei… neun.“ Nicht zu laut – man will ja nicht, dass *die da* (du, drei Leute hinter dir und die ganze Gemüseabteilung) seine PIN klauen. Also murmelt er sie. In Richtung Geldbörse. Die Karte zittert zur Tastatur.
Dann: falsche Eingabe. Nochmal. Diesmal nimmt er die Brille aus dem Etui. Wischt sie mit einem Taschentuch, das vermutlich noch Spuren von Ostern 2013 trägt. „Vier… sieben… drei… neun…“ – flüstert er erneut, als würde er mit seinem Geldbeutel Zwiesprache halten. Die Kassiererin bleibt stumm, aber ihr Blick spricht Bände. Der Typ hinter dir mit dem Baby auf dem Arm beginnt nervös zu wippen. Dein Eis schmilzt. Die Zeit steht still. Dann – endlich – PIN akzeptiert.
Dieter atmet aus. Der Zettel verschwindet wieder im Inneren des Geldbörsenlabyrinths, zusammen mit Rentenbescheiden, einem Einkaufschip und drei Kassenbons aus dem Jahr der Fußball-WM 2006. Er packt langsam. In Ruhe. Keine Eile – er hat’s ja jetzt geschafft.
Und du stehst da. Mit zusammengebissenen Zähnen. Und denkst: „Warum, verdammt noch mal, leben wir im Land der PIN-Paniker?!“
Ein Plädoyer zum Schluss: Wenn du deine PIN brauchst – lern sie. Wenn du sie nicht lernst – trag sie wenigstens nicht wie das Bernsteinzimmer spazieren. Und wenn du sie flüsterst, dann bitte nicht in die Geldbörse. Die hört dich eh nicht. Der Typ hinter dir aber schon. Und der will eigentlich nur nach Hause. Und vielleicht noch leben.
