Nomaden der Neuzeit mit Beton im Blick
Sie kommen nicht leise. Nein. Sie kommen mit 8,30 Meter Länge, Rückfahrkamera, automatischer Nivellierung und einem Dieselverbrauch wie ein Küstenfrachter. Sie rollen majestätisch heran wie ein ausgewachsener ICE auf Irrwegen: Die Wohnmobil-Fraktion vom Typ „Das ist jetzt unser hier“.
Und wo immer Hartmut und Erika „nur kurz Rast machen“ wollten, entsteht innerhalb von 4 Minuten ein mobiles Eigenheim mit Flur, Garten und territorialer Grundaggression.
Die Landnahme beginnt: Operation Markise
Zack, raus mit der Markise. Acht Quadratmeter Schattenwurf, obwohl’s regnet. Danach die Stühle – mindestens vier, auch wenn nur zwei Menschen da sind.
Für den Fall, dass Gäste kommen.
Was nie passiert.
Weil man ja keine will.
Dann kommt der Tisch. Größe: Bierbank deluxe. Auf dem Tisch: ein Deko-Leuchtturm aus Keramik, Muscheln (selbst gesammelt) und ein Aschenbecher mit dem Schriftzug „Mein Revier“. Ach, und die Begrenzung darf nicht fehlen: kleine Fähnchen, Seilchen, notfalls Blumentöpfe – damit auch der letzte Spaziergänger weiß:
Hier wohnt jetzt jemand. Temporär, aber mit Anspruch.
Blick Nummer 47: Der Grundstücksverweis
Wer es wagt, den provisorischen Vorgarten auch nur zu kreuzen – etwa, weil da ein offizieller Weg entlangführt – wird mit dem "Sie haben sich wohl verlaufen, junger Mann"-Blick bedacht. Erika blinzelt über ihre Gleitsichtbrille, Hartmut reckt sich in seinem Campingstuhl auf wie ein Silberrücken mit Genickstarre.
„Ist das hier öffentlich? Na und?! Wir waren zuerst da.“
Die Toleranzgrenze: 2 Meter. Danach wird’s kritisch.
Der Geräuschpegel ist Eigentum
Ruhe ist wichtig. Ganz wichtig. Außer natürlich, wenn man selbst die Kaffeemaschine anwirft (Stromaggregat, 95 Dezibel), den Wetterbericht auf voller Lautstärke hört oder mal wieder versucht, den Satellitenschüssel-Empfang durch Rufen zu optimieren („HARTMUT! HAST DU JETZT BILD?!“).
Kinder, Hunde oder andere Lebewesen mit Bewegungsdrang sind grundsätzlich verdächtig.
- Die machen Dreck
- Die schreien
- Die gucken so
Wohnmobilisten oder Besitzstandsbewahrer in Tarnung?
Sie fahren durch die Welt, um neue Horizonte zu entdecken – und richten sich dann so ein, als würden sie demnächst das Bauamt kontaktieren. Mit jedem neuen Stellplatz wird aus Wiese Besitz, aus Natur Nachbarschaftsrecht und aus „nur mal kurz anhalten“ ein Camping-Cordon Sanitaire mit Fernsehanschluss.
Sie brauchen keinen Zaun. Sie haben Ausstrahlung.
Fazit: Zuhause ist, wo das Sat-TV automatisch ausrichtet
Man kann sich über sie ärgern, man kann sie belächeln – aber man muss ihnen eines lassen: Konsequenz haben sie. Wo andere Urlaub machen, machen sie Raumordnung. Wo andere ankommen, haben sie schon ausgerichtet, nivelliert, den Untergrund geprüft und das Stromkabel angeschlossen.
Und während wir noch mit der Picknickdecke kämpfen, sitzen sie schon mit einem "Kleinen Feigling" in der Hand und gucken verachtend auf unsere Improvisation.
Also dann, gute Reise Hartmut. Fahr bloß nicht zu weit – dein Revier wartet schon.
